Dienstfahrzeuge der B.M.E.

Dienstfahrzeuge sind ein spannendes Thema. Nur selten findet man dazu etwas in den offiziellen Unterlagen -vielleicht weil sie ja nichts zum offiziellen Betrieb beitragen. Ab und zu „schummeln“ sich mal diese Sonderfahrzeuge als „Beiwerk“ auf Bilder – so wie hier bei dem Bau der Oberen Ruhrtalbahn in Bredelar – oder es findet sich dann doch eine Fußnote in irgendeiner Akte oder einem Bericht. Umso spannender ist es diese Informationen zusammenzutragen und daraus – soweit möglich – ein Bild zu formen…

Abb. 1: Im Berliner Architekturmuseum hat sich eine Serie von Fotografien mit Motiven der Bergisch-Märkischen Eisenbahn aus den 1870er Jahren erhalten. Das Bild zeigt den Bau des Bhf Bredelar im Jahr 1872. Die Lok des Bauzuges verdient dabei besondere Beachtung, handelt es sich doch um eine Lok, die noch aus dem Bestand der Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn stammte und nun – nach ihrer Ausmusterung – noch als Bauzuglok ihren Dienst tat. [Bild-Quelle: Architekturmuseum, TU Berlin, Inventarnummer: BZ-F 05,007, architekturmuseum.ub.tu-berlin.de]

ABER: Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. So findet sich zum Beispiel im Bildlichen Verzeichnis der Königl. Bayer. Staats-Eisenbahnen von 1896 eine Auflistung von sechs Normalspur [K.Bay.Sts.B. 1896] und drei Schmalspurloks und auch die BME hatte in den 1870er Jahren kurzzeitig einige Baulokomotiven im Bestand.

 

Schmalspurige Baulokomotiven der BME

Ab den 1870er Jahren gehörten kleine Dampflokomotiven mit Kipploren auf „fliegenden Gleisen“ zur Standardausstattung jeder mittelgroßen Baumaßnahme. Üblich war, dass die jeweilige Maßnahme ausgeschrieben und an ein Bauunternehmen vergeben wurde. Das Unternehmen wiederum nutzte dann seine eigenen Baumaschinen, brachte also etwaige Baulokomotiven mit.

Soweit die Regel – eine Ausnahme scheint die BME beim Bau der Strecke Finnentrop – Rothemühle gemacht zu haben, jedenfalls findet sich im Olper Intelligenz-Blatt vom 11. August 1875 [Olper Intelligenz-Blatt 1875] eine Verkaufsanzeige für die für den Bau der Strecke beschafften Baugeräte und Maschinen. Neben allem möglichen Werkzeug und Barackenmaterial finden sich dort auch 2 Tender-Lokomotiven für Erdtransporte 90 cm Spurweite.

Abb. 2: Rund drei Monate vor der offiziellen Inbetriebnahme der Strecke Finnentrop – Olpe am 1. Nov 1875 wurden bereits die nicht mehr benötigten Baumaterialien verkauft. Es liest sich so, als hätte die BME beschlossen nicht mehr selber als Bauunternehmen tätig sein zu wollen. – Nach dem Motto „Einmal und nie wieder!“ [Olper Intelligenz-Blatt 1875]
Hierbei wird es sich vermutlich um zwei 1872 von der MF Darmstadt (Fabr.-Nr. 27 und 28) an die BME gelieferte Lokomotiven handeln [Merte 2025, Kuhl 2026]. Hier passt alles gut zusammen: Der Start der Bauarbeiten dürfte 1872/73 gelegen haben, die Spurweite passt und weitere Lieferungen von Bauloks anderer Hersteller sind nicht bekannt. Auch ein Verkauf der beiden Lokomotiven scheint plausibel, finden sich doch für sie nirgendwo weitere Belege.

Der Lebenslauf der Lokomotiven ließe sich dann konkretisieren:

  • Darmstadt (27+28/1872), B-n2t, 900 mm
    • neu   als Bauloks an die Bergisch-Märkische Eisenbahn (BME), vermutlich für den Bau der Strecke Finnentrop – Rothemühle
    • 1878  vermutlich zum Verkauf angeboten

 

Normalspurige Baulokomotiven

Ein erster Hinweis, dass die BME eine Bau-Abteilung mit eigenen Lokomotiven besaß, findet sich im 1873er Geschäftsbericht. In einer Fußnote zur Tabelle der Betriebsleistungen der Lokomotiven heißt es [BME GB 1873, S. 128]:

Die ausrangierten und der Bau-Abtheilung übergebenen Locomotiven Isar und Ocker haben in 400 Fahrtagen in Summa 39.156 Kilometer oder 5.220,8 Meilen zurückgelegt, 620 Stunden Rangierdienst und 606 Stunden Reservedienst geleistet.

Bei diesen Lokomotiven handelte es sich um 1A1-Lokomotiven, die 1848 von Kessler für die Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn gebaut worden sind und 1866 mit der Übernahme der ADRE in den Fahrzeugbestand der BME gelangten. Die beiden Loks waren nahezu baugleich. In der ursprünglichen Bauform war die ISAR geringfügig leichter als die „OCKER“. Aber äußerlich dürften kaum Unterschiede erkennbar gewesen sein.

Im 1874er Bericht heißt es dann nur noch:

Die bereits im Jahr 1873 an die Neubau-Abtheilung verkaufte Lokomotive Isar leistete an 25 Diensttagen 240 Stunden Rangier-, 24 Stunden Reserve-Dienst und 85,5 Leerkilometer.

Daraus lässt sich ablesen, dass die Lok Ocker wohl mittlerweile endgültig ausgemustert worden ist. Außerdem lässt sich vermuten, dass die Neubau-Abteilung nennenswert von der normalen Verwaltung getrennt war – heißt es doch, dass die Lok „verkauft“ worden ist. [BME GB 1874, S. 94].

Ab 1875 finden sich zu den Bau-Lokomotiven keine Fußnoten mehr. Entweder gab es keine Bauloks mehr oder sie wurden nur nicht mehr mit aufgeführt.

Der Einsatz mindestens einer der beiden Loks ist für den Bau der Oberen Ruhrtalbahn Bestwig – Warburg – also 1872/73 – belegt: Ein Foto (Abb. 1 und 3) zeigt eine der Loks mit einem Bauzug im halbfertigen Bahnhof Bredelar und dürfte 1872 oder 1873 entstanden sein.

Abb. 3: Hier noch einmal das Eingangsbild dieses Beitrags mit dem Bauzug im halbfertigen Bahnhof Bredelar. Abgebildet ist eine der beiden an die Neubau-Abtheilung der BME abgegebenen ehemaligen Personenzug-Lokomotiven der ADRE.
[Quelle: Architekturmuseum, TU Berlin, Inventarnummer: BZ-F 05,007, architekturmuseum.ub.tu-berlin.de]
Ein weiteres Bild findet sich auf dem Facebook-Auftritt der Initiative „Unser Marsberg – samt seiner Umgebung“. Außerdem ist es im Buch „Eisenbahn im Altkreis Brilon“ von Josef Högemann abgedruckt. Man sieht einen Zug, gezogen von einer der Bauloks, mit einem gedeckten und einem offenen Güterwagen auf der Diemelbrücke bei km 262,27, westlich von Bredelar (Vergleichsskizze der Brücke in [Högemann 1988] S. 19). Es kann sich also entweder um einen Güterzug, einen Bauzug oder vielleicht sogar um einen Abnahme- oder Belastungszug für die Brücke handeln.

Die Loklebensläufe lassen sich daher wie folgt konkretisieren:

  • Kessler 139 / 1849, 1A1n2, 1435 mm
    • Neu             Ruhrort-Crefeld-Gladbacher-Eisenbahn „HOMBERG 22“
    • 1850            Umfimierung der RCGE zur „Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn“, „HOMBERG 22“
    • 1866            Übernahme der Bahn durch die Bergisch-Märkische Eisenbahn, Umzeichnung in „ISAR 254“
    • 1871            an Neubau-Abteilung der BME
    • 1872/73      ggf. Einsatz beim Bau der oberen Ruhrtalbahn, Fotobelege: Bauzüge in bzw. bei Bredelar
    • 1874            ++
  • Kessler 141 / 1849, 1A1n2, 1435 mm
    • Neu          Ruhrort-Crefeld-Gladbacher-Eisenbahn „VIERSEN 23
    • 1850         Umfimierung der RCGE zur „Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn“, „VIERSEN 23“
    • 1866         Übernahme der Bahn durch die Bergisch-Märkische Eisenbahn, Umzeichnung in „OCKER 255“
    • 1871         an Neubau-Abteilung der BME
    • 1872/73   ggf. Einsatz beim Bau der oberen Ruhrtalbahn, Fotobelege: Bauzüge in bzw. bei Bredelar
    • 1873          ++

 

Ergänzende Anmerkungen

Abweichende Herstellerdaten der Lokomotiven der ADRE
Bei der Beschäftigung mit den beiden Lokomotiven der Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn ist aufgefallen, dass es einige Abweichungen in den Fabriknummer bei den unterschiedlichen Literaturquellen gibt. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich versuchen in einem weiteren Artikel hierzu die Informationen zusammenzustellen. Hier verwende ich erstmal die Fabrik-Nummern, die mir anhand der Primärquellen belastbar erscheinen.

Hinweis auf die Verkaufsanzeige
Auf die Verkaufsanzeige bin ich durch den Artikel „Die Ruhr-Sieg-Eisenbahn“ von Martin Vormberg in dem Buch „Die Eisenbahn im Sauerland“ (herausgegeben vom Schieferbergbau-Museum Schmallenberg-Holthausen 1989) aufmerksam geworden. – Herzlichen Dank!

 

Quellen

Literatur

BME GB 187x
Bergisch-Märkische Eisenbahn (Hrsg.): Jahres-Bericht über die Verwaltung der Bergisch-Märkischen Eisenbahn für das Geschäftsjahr 187x. Elberfeld: Sam. Lucas, 187x

K.Bay.Sts.B. 1896
Königl. Bayer. Staats-Eisenbahnen: Verzeichnis & Zeichnungen der Lokomotiven. Aufgestellt 31. März 1896. 142 Seiten.

Kuhl 2026
Kuhl, Walter: Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt. Kapitel 14: Ein häßliches Entlein erregt in Wien Aufsehen. Lokomotivbau in Darmstadt, Teil 2. URL: https://www.walter-kuhl.de/fabrikviertel/me/14_weltausstellung.htm (Abgerufen 24. August 2026, 12:50 h)

Merte 2025
Merte, Jens: „Lokomotivfabriken in Deutschland“. Stand 28.12.2025 – https://www.lokhersteller.de/lokbau/hersteller.htm

Olper Intelligenz-Blatt 1875
Verkaufsanzeige Bergisch-Märkische Eisenbahn. In: Olper Intelligenz-Blatt, Ausgabe 11.08.1875, Seite 4. Bereitgestellt im Deutschen Zeitungsportal. URL: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/6KI6VH62GGOPGBJEL6YLPFJSJ364S43Q?issuepage=4 (Abgerufen: 20. August 2026, 20:25 UTC)

 

Bilder

Abb. 1 + 3: Bauzug im Bhf Bredelar
Das Bild stammt aus einer Serie von Bildern mit Bauanlagen der Bergisch-Märkischen Eisenbahn, die im Berliner Architekturmuseum aufbewahrt wird. [Architekturmuseum, TU Berlin, Inventarnummer: BZ-F 05,007, [architekturmuseum.ub.tu-berlin.de] Das Architekturmuseum stellt die Fotos unter dem „Public Domain Mark 1.0“ zur freien Nutzung bereit. – Herzlichen Dank!

Abb. 2: Verkaufsanzeige
Der Bildausschnitt ist dem Deutschen Zeitungsportal entnommen, einem kostenfreien Online-Archiv der Deutschen Digitalen Bibliothek URL: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/6KI6VH62GGOPGBJEL6YLPFJSJ364S43Q?issuepage=4 (Abgerufen: 20. August 2026, 20:25 UTC) – Das Portal stellt die Abbildungen der eingescannten Zeitungen unter dem „Public Domain Mark 1.0“ zur freien Nutzung bereit. – Herzlichen Dank!

 

Querverweise

Ein Bauzug der BME im Bahnhof Bredelar beim Bau der Oberen Ruhrtalbahn (1872)
Im Zusammenhang mit dem Bild des Bauzuges in Bredelar geht der Beitrag näher auf den Bahnhof Bredelar und den Bau der Oberen Ruhrtalbahn ein.
=> Hier geht’s zum Beitrag