Die ¾-gekuppelte Güterzug-Tender-Lok, Bauart Krauss der KED Elberfeld (1891-1900)

 

Vorab: „Bauart Elberfeld“ oder „Bauart Krauss“ – was ist richtig?

Nun ja, ich weiß es natürlich auch nicht. Doch liegt mir das Lokverzeichnis der KED Elberfeld von 1907 vor und hier wird die Bauart als „3/4 gek. Güterzug=Tender-Lok, Bauart Krauss, hinteres Krauss’sches Drehgestell“ bezeichnet. Für die Bezeichnung „Bauart Elberfeld“ liegt mir hingegen kein zeitgenössischer Beleg vor, daher gehe ich mal erstmal davon aus, dass der Name vielleicht doch nur irgendwann von Eisenbahn-Historikern eingeführt worden ist.

Ich habe daher für mich entschieden, in meinen Texten den durch das Lokverzeichnis belegten zeitgenössischen Namen zu verwenden.

Die Vorgeschichte

Die Lokomotiven der „Bauart Krauss“ wurden speziell für die Bergstrecken im Bergischen Land beschafft. Unmittelbarer Anlass dürfte die 1891 eröffnete Strecke von Elberfeld nach Cronenberg gewesen sein. Mit einer über mehrere Kilometer anhaltenden Steigung von 1:40 reizten die Planer den Grenzbereich des mit reinen Reibungsverkehr Machbaren aus. Eine ähnliche Steigung gab es im Bereich der KED Elberfeld übrigens auch auf der Strecke von Brügge nach Lüdenscheid (1:38), kein Wunder, dass uns Loks dieser Bauart später hier wieder begegnen werden.

Die anfangs auf der Strecke eingesetzten Loks nach Musterblatt MIII-4e (spätere T 3) dürften bei dieser Steigung wohl an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit belastet gewesen sein.

Gesucht wurde also eine Bauart, die einerseits die entsprechende Leistungsfähigkeit besaß um die Steigung zu meistern. Andererseits war aber eine gute Kurvengängigkeit gefordert, da es sich ja um Nebenbahnen im Bergischen Land handelte, bei denen sich die Streckenführung an der Topographie orientieren musste.

Fündig wurde man jedenfalls bei der Maschinenfabrik Krauss in München. Die hatte kurz vorher für die ähnlich schwierige Strecke Reichenhall – Berchtesgaden eine C-gekuppelte Tenderlok mit hinterer Laufachse entwickelt, bei der die hintere Treibachse mit der folgenden Laufachse zu einem Drehgestell – dem sogenannten „Krauss’schen Drehgestell“ bzw. „Drehgestell von Krauss (Helmholtz)“ – zusammengefasst war. Diese Konstruktion scheint sich sehr gut bewährt zu haben, jedenfalls baute Krauss für die Bayerische Staatsbahn mit den Gattungen D X und D XI, und für die österreichischen Lokalbahnen (Steyrtalbahn, Salzkammergut, Mori-Arco-Riva) noch weitere Varianten dieser Bauform.

 

Exkurs: Das Krauss’sche Drehgestell

Beim Krauss’schen Drehgestell wird die Laufachse in einem Drehgestell gelagert und mit der benachbarten Kuppelachse verbunden. Der Drehpunkt des Drehgestells liegt dabei zwischen den beiden Achsen. Die Treibachse wiederum ist seitenverschiebbar gelagert und mit dem Drehgestell verbunden. Bei der Auslenkung der Laufachse wird die Treibachse entsprechend verlagert und die Laufrichtung der Lok umgelenkt. Die Lok wird so ruhiger im Gleis geführt, Schwingungen verringert und der Verschleiß an Schienen und Spurkränzen reduziert. [Blum 1897]

Das Krauss’sche Drehgestell – bzw. das Krauss-Helmholtz-Lenkgestell, wie es später hieß – hat sich bewährt und findet sich später bei den Einheitsloks der Reichsbahn wieder. [Wikipedia Krauss-Helmholtz-Lenkgestell]

 

Die „Bauart Krauss“ im Lokpark der KED Elberfeld

Gekauft wurden dann 1891 und 1893 jeweils zwei Lokomotiven bei der Maschinenfabrik Krauss, die sich weitestgehend an den kurz vorher für die Strecke Reichenhall – Berchtesgaden entwickelten Lokomotiven der Gattung D VIII der Kgl. Bay. Stsb. orientierten.

 

Die ersten beiden Loks, Elberfeld 2000 und 2001, trafen Ende November 1891 in Steinbeck ein und kamen direkt auf der Bergstrecke zum Einsatz. Kaiß/Peplies zitieren in ihrem Büchlein über die Strecke nach Cronenberg die Cronenberger Zeitung vom 4. Dezember 1891 [Kaiß/Peplies 2007, S. 94]:

Gestern fand eine Probefahrt mit einer achträdigen schweren Lok zwischen Elberfeld und hier statt, die zur vollen Zufriedenheit ausfiel, sodaß dieselbe wohl demnächst eingeführt werden dürfte. Eine derartige Maschine soll eine bedeutend größere Zugkraft besitzen wie die bisherigen Lokomotiven.

Bei den bisherigen Lokomotiven wird es sich wohl um Loks der Gattung T 3 handeln. Max Unger gibt 1895 in einem Artikel in den Glasers Annalen für die neue Bauart eine rund 1,5-fache Zugkraft gegenüber der sonst üblichen T 3 an.

Mit den vier Prototyp-Loks scheint man zufrieden gewesen zu sein, jedenfalls baute Henschel ab 1895 weitere 23 Lokomotiven für Elberfeld. Weitere Maschinen gingen an die KED Kassel (3x), Frankfurt (2x) und Erfurt (5x). [Rauter 1991, S. 64-67; Hütter 1996, S. 671]

 

Technische Daten

 

Einsatzgebiete der Lokomotiven der „Bauart Krauss“

In den folgenden Jahren findet man Loks dieser Gattung auf den verschiedensten Strecken im Bergischen Land.

Wie bereits gesagt wurden die ersten vier Lokomotiven bereits 1891 und 1893 geliefert. Für den 1.7.1894 liegt eine Stationierungsliste der KED Elberfeld vor. Demnach befanden sich zwei Loks in Elberfeld Steinbeck für den Personenzugdienst nach Cronenberg, und je eine in Brügge und Hagen.

Im Buch „Die Baureihe 91“ von Gerhard Moll und Hansjürgen Wenzel [Moll/Wenzel 1984] wird aus einer Akte im Landesarchiv NRW zitiert, die mir leider noch nicht in die Hände gefallen ist, demnach waren am 1. August 1898 der MI Hagen folgende Loks zugewiesen:

  • 2002-2005: Station Brügge
  • 2018+2019: Betriebswerkstätte Hagen – Einsatz auf der Vörder Bahn

Die nächsten Belege lassen sich einer weiteren Akte aus dem Bestand des Landesarchivs NRW entnehmen. In ihr sind die Verteilungen der Lokomotiven auf die Bezirke der Maschineninspektionen dokumentiert [BR_1003_1077]. Anhand der dortigen Übersichten und begleitenden Schriftverkehre lassen sich die Einsatzschwerpunkte der Loks sehr gut nachvollziehen.

Die Akte beginnt mit der Übersicht vom 31.03.1902. Demnach verteilten sich die Lokomotiven wie folgt: MI Altena (4), MI Düsseldorf (2), MI Elberfeld (15), MI Hagen (6).

Als Besonderheit muss man wohl anmerken, dass es sich bei den beiden Loks in Düsseldorf um die beiden Vorserienloks Efd 2000 und 2001 handelte, die nur eine geringere Leistungsfähigkeit besaßen und vielleicht deswegen „im Flachland“ stationiert waren.

Die Elberfelder Loks dürften zum Teil auf dem 1888 eröffneten ersten Teilstück der Niederbergbahn von Oberdüssel über Wülfrath nach Velbert eingesetzt worden sein. Jedenfalls hat sich im Stadtarchiv Velbert ein Foto erhalten, das neben der Bahnhofsbelegschaft von ungefähr 50 Personen auch 3 Lokomotiven der „Bauart Krauss“ zeigt.

Und weil es hier gerade so gut passt ergänze ich gleich noch einen weiteren Bildhinweis: Im Bestand des Stadtarchivs Lüdenscheid findet sich ein weiteres Bild, das eine Lok um ca. 1900 im Bahnhof Lüdenscheid zeigt. Dieses Bild ist im Eisenbahn Journal 9/1993 auf Seite 23 abgedruckt.
(Aus oftmals diskutierten Gründen kann ich beide Bilder hier leider nicht zeigen…)

An dieser Verteilung änderte sich erst etwas im Sommer 1903, als die Loks auf die Maschineninspektionen Hagen (14 Loks) und Elberfeld (11 Loks) konzentriert wurden, um auf den Strecken Hagen – Brügge – Dieringhausen und Barmen=Rittershausen – Krebsöge ausschließlich Loks der „Bauart Krauss“ einsetzen zu können. Die Loks der MI Hagen wurden dementsprechend in Brügge und Dieringhausen stationiert.

Für den 24.07.1903 ist sogar die Veränderung des Lokparks dokumentiert („normal“ = durchgehend im Bestand, „durchgestrichen“ = abzugeben, „unterstrichen“ = neu im Bestand)

 

MI Altena
Letmathe: 2025, 2026
Erndtebrück: 2020
Siegen: 2024

MI Düsseldorf
Mülheim Rh: 2000, 2001

MI Elberfeld
Barmen Ritt: 2006, 2009, 2011, 2016
Vohwinkel: 2012, 2013, 2014, 2017
Elberfeld Steinbeck: 2010, 2022
Velbert: 2006

MI Hagen
Brügge: 2002, 2003, 2012, 2013, 2014, 2017, 2018, 2019, 2020, 2024, 2025, 2026
Dieringhausen: 2004, 2005

 

In dieser Auflistung fehlen die Loks 2007, 2008, 2015, 2021, 2023. Zu ihrer Beheimatung ist im Detail nichts bekannt. Es ist nur sicher, dass die Loks im Bereich der MI Elberfeld stationiert waren.

Diese Situation bleibt nun erstmal weitestgehend so, nur die Loks 2008 und 2022 wechselten 1905 zur MI Düsseldorf.

Im April 1907 organisierte die KED Elberfeld die Maschineninspektionen neu. Die MI Siegen wurde neu errichtet und die Bezirke der übrigen Maschineninspektionen zum Teil neu zugeschnitten. Zur MI Siegen gehörte nun unter anderem die Betriebswerkstätte Dieringhausen. Die MI Altena erhielt u.a. die Betriebswerkstätte Brügge. Für beide Bw wurden im Zuge der Neuorganisation die Lokbestände dokumentiert:

Bw Dieringhausen: 7241, 7242, 7267 und 7281

Bw Brügge: 7261-7264, 7271-7273, 7276-7279

In der Statistik vom Dezember 1907 finden sich dann 17 Loks bei der MI Altena, keine in Düsseldorf, 6 in Elberfeld, keine in Hagen und 4 in Siegen.

 

„Die herzl. Grüße sendet dir dein Ernst.“ – soweit der Text der Karte. Welcher dieser schmucken Herrn wird dieser Ernst gewesen sein, der seine Alma mit diesem „Gruppenbild vor Lok“ grüßte? Wir wissen es nicht. Aber wir kennen die Protagonistin im Hintergrund: Die ELBERFELD 7265, eine T 9 der Bauart Krauss. Die Fo-tokarte wurde am 12. Mai 1908 in Opladen gestempelt. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass das Bild also im Rahmen einer Ausbesserung in der Hauptwerkstätte entstanden ist.

Ende 1909 konzentrierten sich die Loks dann nur noch auf Altena (11 Loks) und Siegen (16 Loks). Der Aufenthalt der Loks im Siegener Bereich währte allerdings nicht lange, schon Ende 1910 war der Siegener Bestand nach Hagen bzw. Altena gewechselt: Altena (14 Loks), Hagen (8 Loks) und Siegen (5 Loks). So ging es dann auch weiter – März 1911: Altena (16x), Elberfeld (2x), Hagen (8x) und Siegen (1x). – Und so blieb es dann auch bis zum Oktober 1916. Hier endet leider die Statistik…

 

Versuchen wir mal eine Zusammenfassung:
Die Loks dieser Bauart wurden speziell für die kurvigen steilen Nebenstrecken im Bergischen Land beschafft. Demzufolge wurden sie erstmal an viele verschiedene Bw verteilt. Erst Mitte 1903 wurden die Loks zunehmend im Sauerland konzentriert. Schwerpunkte waren damals das Bw Brügge, bei dem für 1903 zwölf Lokomotiven der „Bauart Krauss“ belegt sind, und das Bw Dieringhausen (zeitweise vier Lokomotiven).

 

Wie ging es weiter?

Nur eine Lok kam noch zur DRG. Alle anderen wurden vor 1925 ausgemustert. Sieben Loks wurden an Privatbahnen verkauft, wo sie teilweise noch Jahrzehnte im Einsatz waren:

  • Elb 2015 bzw. 7274: 1920 an Klb. Suchsdorf – Kiel-Wik, „2“; 1954 +
  • Elb 2017 bzw. 7276 (ab 1914 STETTIN 7227): 1922 an ?, 50er Jahre: Kaliwerk Wolkenroda
  • Elb 2018 bzw. 7277: 1922 an Klb. Marienborn – Beendorf
  • Elb 2020 bzw. 7279: 1924 an Hasper Eisen- und Stahlwerk Hagen, „X“, 1959 +
  • Cas 1460: ’04 Umzeichnung in Cas 1600; ’06 Umzeichnung in Cas 7291; ’18 an Halberstadt-Blankenburger Eisb. „46“;‘ 24 an Lenz und Co „52“; ’27 an Mind. Kreisbahn „23“; ’53 an Burbach Kali Nörten-Hardenberg „7“ namens „Königshall“, eingesetzt im Werk Hindenburg-Reyershausen +66.
  • Cas 1602 bzw. 7293: 1918 an Halberstadt-Blankenburger Eisb. „47“; 1924 an Mindener Kreisbahn „22“; 1952 an Burbach-Chemie, Nörten „7“
  • Erf 1803 bzw. 7243: 1923 an Altona-Kaltenkirchen-Neumünster „7“

 

Literatur

Bei der Erstellung dieses Artikels hat mich Michael Peplies mit Anregungen, Informationen und Literatur unterstützt. Herzlichen Dank!
Ein weiterer Dank geht an alle Mitdenker im Historischen Forum bei Drehscheibe online.

Blum 1897
Blum; Borries; Barkhausen: Das Eisenbahn-Maschinenwesen der Gegenwart. 1. Abschnitt: Die Eisenbahn-Betriebsmittel. 1. Teil: Die Lokomotiven. Kreidel’s Verlag, Wiesbaden 1897. Seite 80f, 83, 181f

BR_1003_1077
Landesarchiv NRW. Abteilung Rheinland, Bestand BR 1003, Bestellsignatur BR 1003 Nr. 1077 „Verteilung der Lokomotiven Bd. 5“

Elberfeld 1891
Maschinentechnisches Bürrau der Königlichen Eisenbahn-Direktion: Verzeichnis der Lokomotiven und Tender des Eisenbahn-Direktionsbezirks Elberfeld. 1891

Elberfeld 1894
Vertheilung der Lokomotiven des Direktionsbezirks Elberfeld. Aufgestellt nach dem Stande vom 1. Juli 1894

Hütter 1996
Hütter, Ingo; Pieper, Oskar : Gesamtverzeichnis deutscher Lokomotiven. Teil 1: Preußen bis 1906 – Band 2. Köln : Schweers + Wall, 1996

Kaiß/Peplies 2007
Kaiß, Kurt; Peplies, Michael: Der Samba. Die Stichbahn Elberfeld-Cronenberg. Rheinisch-Bergische Eisenbahngeschichte Heft 6. Verlag Astrid Kaiß, Leichlingen 2007. ISBN 978-3-9806103-6-0

Moll/Wenzel 1984
Moll, Gerhard; Wenzel, Hansjürgen: Die Baureihe 91 (preußische T 9). Eisenbahn-Kurier, Freiburg 1984. ISBN 3-88255-154-2

Unger 1895
Unger, Max: „Ueber die Anfertigung von Lokomotiv-Belastungstafeln“ 3.Teil. In: Annalen für Gewerbe und Bauwesen. 1895. Seite 158

Wikipedia Krauss-Helmholtz-Lenkgestell
Seite „Krauss-Helmholtz-Lenkgestell“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 10. August 2020, 09:38 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Krauss-Helmholtz-Lenkgestell&oldid=202649801 (Abgerufen: 24. Januar 2021, 12:04 UTC)